von Michael Scholz (02.02.2024)

Die revolutionäre Wachsamkeit war ein Konzept, das schon von Karl Marx und Friedrich Engels im Kommunismus verankert wurde. Es besagte, dass die damals junge Bewegung von Feinden im Innern und von außen umringt war. So war die revolutionäre Wachsamkeit die Aufgabe eines jeden Kommunisten, um die Bewegung zu schützen.

Dieses System wurde im Laufe der Jahrzehnte weiter ausgebaut und perfektioniert. Besonders Josef Stalin, der zweite große Menschenschlächter des frühen 20. Jahrhunderts setzte es ein. Nicht um irgendwelche Bedrohungen von außen auszuschalten, nein um Gegner im Innern zu bekämpfen.

Besonders gegen die Trotzkisten wurde die revolutionäre Wachsamkeit beschworen. Es reichte nun nicht mehr, dass der gute Bolschewist das aktuelle Parteiprogramm nebst dessen Auslegung kannte, nein er musste auch beständig seine Umgebung darauf kontrollieren. Nicht zuletzt musste er sich auch selbst immer examinieren, wie es mit seiner eigenen Überzeugung stand. Die revolutionäre Wachsamkeit hatte es also auch auf die Gedanken der Bolschewiki abgesehen. Man sollte sich selbst immer und immer wieder selbst befragen.

Die revolutionäre Wachsamkeit war also ein Instrument der Denunziation, der Unterwerfung und der immerwährenden Selbstkritik. Revolutionäre Wachsamkeit hieß also Nachbarn, Freunde, Verwandte zu belauschen und subversive Reden dem NKWD zu melden.

Dies mündete in den „Großen Terror“ innerhalb der Sowjetunion, während dem mindestens zweieinhalb Millionen Menschen verhaftet wurden und fast 700.000 Todesurteile gefällt wurden. Dies alles gründete bspw. auf den NKWD-Befehlen 000439 und 00477.

Es reichte übrigens schon, wenn man jemanden kannte, der verdächtig war: Kontaktschuld. Dies wurde durch den Operativen Befehl Nr. 00486 des Volkskommissars für Innere Angelegenheiten legitimiert. Ähnlich argumentiert übrigens auch Mao Tsetung: Die Frage der Denkweise ist für die Arbeiterbewegung so wichtig, daß sie ständig überprüft werden muß, mehr noch, stets muß kontrolliert werden, wer wen beeinflußt. (Revolutionärer Weg 15, S. 11)

Liest man die Rede „Über die Mängel der Parteiarbeit und die Maßnahmen zur Liquidierung der trotzkistischen und sonstigen Doppelzüngler“, die Stalin auf dem Plenum des CK der VKP am 3. März 1937 gehalten hat, so hat man den Plan, wie mit Abweichlern von der bolschewistischen Doktrin umzugehen ist.
Die Instrumente, die hier genannt werden – revolutionäre Wachsamkeit / Kontaktschuld / Mundtotmachen / Verleumdungen – finden wir heute auch noch und zwar innerhalb der so genannten Wokeness.

Was im Stalinismus „revolutionäre Wachsamkeit“ hieß, heißt heute „Mikroaggression“, Mundtotmachen heißt heute „Cancel Culture“, nur die gute alte Kontaktschuld hat noch keinen neuen fancy-schmänzy Namen bekommen (oder ich habe ihn nicht mitbekommen). Nein, das, was wir heute als Wokeness kennen ist nichts anderes als Stalinismus mit Männerdutt und Mate.

Die Mechanismen sehen wir in allen Organisationen, Vereinen, Clubs und sonstigen Zusammenschlüssen, in denen Menschen mit woker Überzeugung die Führung übernehmen. Erstes Ziel ist immer die Konsolidierung ihrer Machtbasis, was darin besteht, alle, die nicht die „neue Richtung“ goutieren aus der Organisation zu treiben. Auch dürfen Trotzkis … ähh … Abweichler in keiner Form Öffentlichkeit bei Veranstaltungen bekommen. Durch das Konzept der Mikroaggression oder der Kontaktschuld ist dies ja nicht schwer.

Kerstin Decker schrieb im Tagesspiegel: Was heute Wokeness heißt, hieß gestern revolutionäre Wachsamkeit. Du bist umgeben von einer Welt von Feinden. Erkenne sie! Menschen, die sich selbst absolut nicht für Rassisten halten, sollen trotzdem welche sein. In der DDR lautete die Unterscheidung subjektiver und objektiver Konterrevolutionär. Aneignen durfte man sich in der DDR im Grunde nur die eigene Kultur, also die der Ausgebeuteten und Unterdrückten. Der Rest fiel unter cancel culture. Vorwitzige kamen auf die Idee, Vorläuferstandpunkte der Arbeiterklasse auch in latent feindlichen, etwa bürgerlichen Strömungen zu erkennen. Auf diese Art wurde der kulturelle Kanon der DDR immer breiter. Ja, wir waren begierig nach kultureller Aneignung. Auf die Idee, dass man sie aus freien Stücken, ohne Zwang einmal zum Tabu erklären würde, wären wir nie gekommen.

Objektiv betrachtet gibt es kaum eine politische Bewegung, welche intensiver mit dysfunktionalen Denkmustern arbeitet als jenes WOKE-Phänomen. Unzufriedenheit, Opfermentalität und jugendlicher Idealismus treffen auf Verschwörungsmythen über strukturell-rassistische Systeme und omnipräsente patriarchalische Konstrukte, deren primäres Ziel es ist, nicht-weiße Ethnien und mitsamt die komplette Frauenwelt zu unterdrücken – befeuert durch gegenseitige Zustimmung innerhalb universitärer Echokammern. Die Woke-Agenda ist eine Agenda der Bevormundung, der Verbote, der Missgunst und des Aufzwinges perfider Narrative – daherkommend im Gewand der Menschlichkeit. Letzteres macht sie gefährlich.

Für mich als Liberalen der alten Schule, der sich in der Tradition der 1848er sieht, ist die Wokeness natürlich abzulehnen, auch wenn die Vertreter dieser krypto-stalinistischen Bewegung mit einer pseudomoralischen Überheblichkeit auftreten und davon überzeugt sind, dass sie und nur sie den richtigen Weg für die Gesellschaft kennen. Am Woke’schen Wesen soll die Welt genesen!

Nein, diese selbsternannten moralischen Herrenmenschen können sich mal gehackt legen und das sage ich in dem Bewusstsein, dass höchst wahrscheinlich schneller das „Nazi“-Label an mir kleben wird als ich supercalifragilistischexpialigetisch sagen kann. Das ist mir persönlich vollkommen egal. Ich für meinen Teil werde mich dem Tugendterror nicht beugen, sondern mich einfach bemühen ein netter Mensch zu sein und niemanden zu verletzen. Sollte ich doch einmal jemanden verletzen, dann stehe ich auch dazu und bitte um Entschuldigung.

Die pseudo-moralische Scheinheiligkeit überlasse ich denen, die sich das Motto „Sei wach, richte über andere und fühl dich gut dabei!“ auf die Fahnen geschrieben haben. Und wenn die Wokies wieder anfangen, sich voller (gefühlter) moralischer Überheblichkeit und Selbstgeißelung an die Brust zu schlagen und auszurufen „mea culpa, mea praeclari candoris culpa!“, dann gehe ich zu den normalen Menschen. In die Eckkneipe. Auf ein Herrengedeck und einen schönen stinkenden Stumpen.

Nein, ich sehe die Vertreter der Wokeness als die wahren Spaltpilze unserer Gesellschaft an, weil sie dogmatische Zeloten sind, die nur schwarz oder weiß kennen. Aber das passt nicht. Die Welt ist nicht nur schwarz und weiß. Die Welt ist grau in allen Schattierungen und das war sie schon immer.

* Die „Steile These“ ist eine Reihe, in der wir Artikel veröffentlichen in denen wir provokante, kontroverse und oft polarisierende Themen und Thesen zur Diskussion stellen. Unser Ziel ist es, durch den Austausch unterschiedlicher Meinungen und Perspektiven ein tieferes Verständnis komplexer Fragen zu fördern, um uns „emporirren“ zu können. Die Diskussion findet in unserem Forum statt.